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Geburtshelferkröten am Gartenteich

Seit Jahrhunderten rankt sich um kleine, unscheinbare, versteckt lebende Froschlurche so manche Legende. Sie erhielten diverse deutsche Trivialnamen, die alle irgendwie mit ihrer Fortpflanzungsbiologie zu tun haben. Es handelt sich um seltene Tiere, die spezielle Umweltbedingungen benötigen, um gut zu gedeihen. Sie waren das Objekt, um das sich der größte wissenschaftliche Skandal auf zoologischem Gebiet am Anfang des vorigen Jahrhunderts rankte. Doch sie sind völlig arglos: die Geburtshelferkröten, Alytes obstetricans.

Männchen und Weibchen dieser nachtaktiven Froschlurche werden maximal 5,5 cm groß. Sie besitzen einen gedrungenen Körper mit winzigem Trommelfell und kleiner Ohrdrüse. Dafür treten die kupfergoldenen Augen weit hervor. Sie fallen durch ihre senkrechte, je nach Lichteinfall tropfenartig erweiterte Pupille auf. An den Fersen tragen die Tiere drei Höcker, an den Körperflanken eher rückenseitig zudem mehrere Warzenreihen, so genannte Drüsenleisten. Meist sind die Geburtshelferkröten schlicht grau gefärbt, wobei eine unscharfe Punktierung sowie an den Flanken eine Marmorierung vorkommen kann. Manchmal zeigen sich die Flankenwärzchen rötlich, insbesondere bei Jungtieren. Der Bauch ist schmutzigweiß. Amphibienkundler differenzieren mindestens vier Arten der Gattung Alytes, die neben den eigentlichen Scheibenzünglern, Discoglossus, zur Familie der Scheibenzüngler (Discoglossidae) gehört (die früher ebenfalls in diese Familie gestellten Unken, Bombina, und Flussunken, Barbourula, erhielten mittlerweile die eigene Familie Bombinatoridae). Außer unserer einheimischen Art Alytes obstetricans, die Westeuropa von der Iberischen Halbinsel bis in den Süden der Niederlande (die Verbreitungsgrenze erstreckt sich vom Genfer See über Thüringen und den Harz bis nach Niedersachsen) besiedelt, gibt es die Iberische Geburtshelferkröte, Alytes cisternasii, die Spanische Geburtshelferkröte, Alytes dickhilleni, und die Mallorca- Geburtshelferkröte, Alytes muletensis. Letztere wurde interessanterweise 1977 zunächst anhand von Fossilfunden durch Paläontologen mit eigener Gattung Baleaphryne beschrieben, kurze Zeit später fand man in nur mit Bergsteigerausrüstung zugänglichen Schluchten Mallorcas rezente Populationen dieser Art. Alytes obstetricans wird von einigen Wissenschalftlern in mehrere Unterarten unterteilt, außer der Nominatform etwa Alytes obstetricans boscai aus der Umgebung von Valencia. Der Status dieser Formen wird immer wieder diskutiert. Geburtshelferkröten leben gewöhnlich in einem feuchtwarmen Mikroklima. Typische Biotope sind demzufolge von der Sonne beschienene Gewässer an geschützten Hängen. Als Kulturfolger siedeln diese Froschlurche zum Beispiel in Sand- und Kiesgruben, Steinbrüchen, Industriebrachen, inmitten der Ortschaften auch an bröckeligen Treppen, Steinmauern und Halden. Offenbar bieten manche Bereiche unserer Kulturlandschaft dieser Art idealere Bedingungen als natürliche Biotope. Deshalb kommen Geburtshelferkröten auch spontan in Gärten mit Geröllzonen (etwa in Steingärten). Trockenmauern und Terrassen. Wenn dann ein als Larvengewässer geeigneter Gartenteich vorhanden ist, bleiben sie ständige Bewohner des Gartens. Immerhin wachsen die Kaulquappen gewöhnlich in unterschiedlichen, stehenden Gewässer auf, beispielsweise Sandgrubenweihern, Spur- und Wegrinnen, Quellteichen und Feuerlöschbecken. So eignen sich auch besonnte oder halb beschattete Folienteiche oder gar Springbrunnenbecken unserer Gärten, sofern sie nicht chemisch verunreinigt oder mit zu vielen oder räuberischen Fischen besetzt sind. Ist der Garten gut strukturiert, dann finden die Tiere auch genug Überwinterungsorte. Normalerweise dringen sie tief in den Boden ein, etwa in Gänge von Nagetieren, Erd- und Gesteinsspalten. Mitunter findet man sie in Kellern oder unter Steinplatten bzw. Holzstapeln. Geburtshelferkröten sind Nützlinge, denn sie ernähren sich von diversen Wirbellosen, vor allem Spinnen, Käfern, Fliegenlarven, Asseln und Nacktschnecken. Sie sind nachtaktiv und nur bei Dunkelheit mit Hilfe einer Taschenlampe zu beobachten. Tagsüber verbergen sie sich in Bodenverstecken. Als natürliche Feinde kommen für die Larven im Gartenteich vor allem Libellen- und Wasserkäferlarven infrage, die erwachsenen Tiere haben kaum Feinde, nur frisch metamorphierte Fröschchen werden von Amseln oder Krähen am Teichrand abgesammelt. Je nach geographis cher Lage beginnt im Frühjahr die Fortpflanzungsperiode der Geburtshelferkröten. Sie kann sich von März bis August erstrecken. Zunächst rufen die Männchen nachts, manchmal auch während des Tages, ihren glockenartig hell klingenden Paarungsruf, mit dessen Hilfe sie Weibchen anlocken. Deshalb nennt man diese Amphibien mancherorts auch „Glockenfrosch". Dann kommt es zur Paarungsumklammerung, wobei das Weibchen in der Lendengegend von den Armen und Händen des Männchens gehalten wird. Diese Paarungsstellung nennt man Amplexus inguinalis. Im Gegensatz zu den meisten anderen Froschlurchen machen die Männchen nun Zugbewegungen, die offenbar die Partnerin zur Abgabe gallertiger Laichschnüre mit perlschnurartig aneinander, gereihten Eiern stimulieren. Das Männchen spreizt seine Hinterextremitäten nach vorn und gabelt damit die Laichschnüre auf. Sie haften durch die klebrige Gallerte an den Beinen. Nach wenigen Stunden ist die Gallerte angetrocknet, so dass sich die Laichschnüre an den Extremitäten festzurren. Die Beine sind also nun verschnürt, die Frösche in ihrer Bewegungsfähigkeit ein wenig eingeschränkt, was ihnen den weiteren Trivialnamen „Fessler" eintrug. Das Gelege eines Weibchens kann bis zu über 70 gelbliche, 2,2 bis 4,9 mm große Eier beinhalten. Doch man findet auch Männchen mit mehr als 170 Eiern an ihren Beinen. Mittlerweile ist bekannt, dass sich die Männchen mit bis zu vier Weibchen nacheinander paaren können, das erklärt auch die unterschiedlichen Entwicklungsstadien der Embryonen in den Eiern. Dafür laichen die Weibchen oft zwei- bis dreimal je Fortpflanzungsperiode, jeweils mit unterschiedlichen Partnern. Dabei bevorzugen sie Männchen, die bisher noch keine Eier tragen. Sind allerdings nur bereits belegte Partner zu haben, dann sparen die Weibchen, sie legen vergleichsweise wenige Eier ab. Drei bis sechs Wochen lang schleppen die Männchen nun die Last ihrer Nachkommen mit sich herum. Bei sehr feuchtem Boden heben sie ihre Beine ein wenig an, damit es nicht zu Staunässe an den Eiern kommt. ln sehr trockenen Gebirgsgegenden wurde beobachtet, dass die Männchen das Wasser aufsuchen, um das Gelege zu befeuchten. Folgerichtig erhielt die Art ihren bekanntesten Trivialnamen, „Geburtshelferkröte“. Schließlich sind die Bewegungen der Larven in den Eihüllen offenbar der Impuls für die Männchen, um jenes Gewässer aufzusuchen, in dem die Kaulquappen fortan heranwachsen und sich zu fertigen Fröschen entwickeln sollen. Die Larven sind zu diesem Zeitpunkt 10 bis 17 mm groß. In unseren Breiten verbringen sie stets einige Monate im Gewässer, bis die Metamorphose einsetzt. Meist überwintern sie und metamorphisieren erst in folgenden Frühjahr. Ihre Nahrung besteht aus Algen, Detritus, mitunter aber auch aus tierischem Plankton. Findet man Kaulquappen der Geburtshelferkröte im Gartenteich, so sollte überprüft werden, ob der Teich auch im Winter nicht bis zum Grund durchfriert. Ein Eisfreihalter und/oder eine Durchlüftungspumpe verhindern das im Zweifelsfall. Aus den zunächst kleinen Larven wachsen relativ große, die vor dem Einsetzen der Metamorphose bis zu 9 cm Länge (ausnahmsweise auch 11 cm) erreichen. Dann entwickeln sich zunächst die Hinter-, dann die Vorderextremitäten. Der große, fleischige Schwanz wird allmählich resorbiert. Der Umbau der Atmungsorgane ist durch eine Veränderung des Mundfeldes sichtbar. Schließlich schnappen die Tiere nach atmosphärischer Luft. Wenn der Schwanz vollständig resorbiert ist, hat sich auch der lange Pflanzenfresserdarm der Larven zu einem relativ kurzen, für räuberisch lebende Tiere typischen Darm umgebildet. Nun gehen die jungen Geburtshelferkröten erstmals aktiv auf die Jagd nach kleinen Wirbellosen. Durch die Brutfürsorge der Männchen werden also zwei Widrigkeiten umgangen: Laich, Embryonen und Larven in frühen Stadien sind nicht den im Gewässer lebenden Feinden ausgesetzt, die Überlebensrate während dieser Entwicklungsabschnitte ist also größer (deshalb brauchen die Tiere auch eine nicht allzu große Eizahl). Außerdem genügt es, wenn ein temporäres Gewässer erst zu späterem Zeitpunkt nach Regenfällen vorhanden ist, die frühen Stadien entwickeln sich also auch bei Trockenheit. Es erscheint bemerkenswert, dass alle Scheibenzüngler relativ früh geschlechtsreif sind. Das trifft auch auf die Geburtshelferkröten zu. Bereits im Spätsommer ertönen die Paarungsrufe von erst im Frühjahr metamorphisierten Männchen, allerdings sind diese kürzer, heller und wirken so piepsiger als jene ihrer ausgewachsenen Geschlechtsgenossen. Ob sich die kleinen rufenden Männchen bereits am Fortpflanzungsgeschehen beteiligen und reife Gonaden besitzen, ist bisher noch nicht geklärt worden. Rasche Generationsfolge und leichte Züchtbarkeit veranlassten den Wiener Entwicklungsbiologen Paul Kammerer vor fast 100 Jahren zu interessanten, doch nach wie vor umstrittenen Experimenten: Er züchtete eine Gruppe seiner seit mehreren Generationen m Terrarien nachgezogenen Geburtshelferkröten unter untypischen Bedingungen weiter. Er pflegte sie in Aquaterrarien, etwa so, wie man gewöhnlich Unken hält. Doch was bezweckte Kammerer mit dieser ungewöhnlichen Pflege? Er wollte einen Atavismus erzielen, d.h. die Tiere sollten ein im Laufe der Evolution äußerlich verloren gegangenes, jedoch genetisch noch vorhandenes (quasi schlafendes) Merkmal wieder hervorbringen. Nun besitzen viele sich im Wasser paarende Froschlurche im männlichen Geschlecht Brunftschwielen, etwa an den Fingern der Vorderextremitäten. Sie dienen ähnlich einem Klettverschluss dazu, an der glitschigen Haut der Weibchen während der Paarung Halt zu finden. Diese Schwielen waren wegen der Paarungen an Land bei den Geburtshelferkröten überflüssig und wurden nicht mehr ausgebildet. Tatsächlich gelang es Kammerer, dass seine in Aquaterrarien gepflegten Geburtshelferkrötenmännchen bereits nach mehreren Generationen Brunftschwielen ausbildeten. Um zu belegen, was ihm gelungen war, fertigte der Biologe histologische Schnitte und mikroskopische Aufnahmen von den Schwielen an, die er in seinen wissenschaftlichen Arbeiten publizierte. Doch dieses Ergebnis genügte ihm nicht. Er wollte nachweisen, dass sich die Brunftschwielen, diese reaktivierten Verhornungen der Epidermis, also der obersten Hautschicht, bereits nach mehreren Generationen, den Mendelschen Vererbungsregeln folgend, auf die Nachkommen übertragen lassen. Das entspräche einer Vererbung erworbener Eigenschaften - so interpretierte es jedenfalls Kammerer. Offenbar waren es aber nicht neu erworbene, sondern genetisch fixierte archaische Merkmale, die reaktiviert wurden und so ganz andere Interpretationen zuließen, nicht aber jene von Kammerer. Namhafte Genetiker diffamierten seinerzeit die insbesondere züchterisch bemerkenswerten Arbeiten Kammerers, schoben ihm sogar eine Präparatefälschung unter und bezichtigten ihn des Betruges. Wenn auch seine Interpretationen nicht in der Weise haltbar waren, wie er sie publizierte, regen doch die Ergebnisse seiner Forschungen an Geburtshelferkröten und auch anderen Amphibien bis heute manche Fachdiskussion an. Ist das nicht ein Zeichen dafür, wie bedeutsam die Arbeiten waren? Von der Namensgebung bis zum wissenschaftlichen Streit war Alytes obstetricans, die Geburtshelferkröte, stets ein ungewöhnliches, Phantasie und Forscherdrang anregendes Tier. Glücklicherweise kennt man heute viele sichere Vorkommen dieser Art und auch ihrer Verwandten, so dass die Populationen meist nicht stark gefährdet sind. Mancherorts siedeln sich diese Froschlurche spontan an Gartenteichen an, die als Larvengewässer geeignet smd und deren Umgebung den Fröschen Rückzugs und Versteckmöglichkeiten bietet. Es gibt auch versierte Züchter, die mit Genehmigung der Naturschutzbehörden Geburtshelferkröten erfolgreich vermehren. Von ihnen kann man Tiere erwerben, nachdem man selbst die Genehmigungen der örtlich zuständigen Naturschutzbehörde für die Pflege einer geschützten einheimischen Amphibienart eingeholt hat. Dann erklingen die Glockenrufe auch am heimischen Gartenteich.


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